Liebe Leserinnen und Leser,
ein Koffer musste es sein. Schließlich stand die Jugendfreizeit nach Rieneck vor der Tür und der alte Koffer hatte alles, nur keinen Griff mehr. Bei Kaufhof wurde ich fündig und stellte mich an der Kasse in die Reihe. Dabei beobachtete ich eine junge Mutter mit ihrem vielleicht fünfjährigen Sohn, eine Tüte Bonbons in der Hand, auf die der Kleine schon ungeduldig wartete. So viel war zu sehen. Allerdings auch, dass die beiden auf der verkehrten Seite anstanden. „Kommen Sie her zu mir, ich lass` Sie vor!“, winkte ich die beiden in unsere Reihe, schließlich hatte ich Zeit. Die Mutter freute sich, ihren Dankeschöns hörte ich allerdings kaum zu. Und so entging mir auch fast, dass sie der Kassiererin eine Karte zusteckte und bestimmte: „Der Koffer geht auch auf die Personalkarte!“ Ich muss wohl reichlich verdutzt geschaut haben, als fast 15 Euro weniger auf dem Display der Kasse zu lesen waren. „Kleines Dankeschön, ich hab mich so gefreut!“, rief mir dir junge Frau fröhlich zu und war schon verschwunden samt Sohn und Bonbontüte. Sie können sich vorstellen, dass ich die Geschichte seither gerne weitergebe.
Es kommt ja selten genug vor, dass eine freundliche Geste oder eine gute Tat sich direkt auszahlt.
Oft genug zieht sie größere Kreise. Sie lassen einen anderen Verkehrsteilnehmer vor, geben ein wirklich nettes Trinkgeld oder akzeptieren eine ziemlich fadenscheinige Entschuldigung. Reaktion: Null. Aber mit ein bisschen Geduld und Aufmerksamkeit erreichen auch uns die Gutmütigkeiten anderer, die uns eine Dummheit nachsehen oder es verkraften, dass wir ihren Geburtstag vergessen haben. Es ist ein Netz von Freundlichkeiten, von Nächstenliebe, das unseren Alltag erträglich macht und uns auch dann, wenn wir hilfsbedürftig sind, unterstützt.
Ein solches Netz fand Herr Dr. Andreas Kaestner durch einen Blick nach oben, nämlich in der St. Georg-Kirche in Nördlingen, wo genau diese wunderschönen Streben den Himmel darstellen. Gleich fällt mir das Pauluswort ein aus dem Galaterbrief 6,2 : Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Vielleicht ist diese Kirchendecke ein Sinnbild für all die vielen Lasten, die Menschen bereit sind, für andere zu tragen, um Armut zu bekämpfen, Not und Verzweiflung in Krisensituationen abzuwenden.
Einigen dieser Menschen wollen wir diesen Gemeindebrief widmen: Da werden sie Leute aus der Gemeinde finden, aber auch andere, die sich einen anderen Wirkungskreis gesucht haben. Schließlich gibt es viele Orte, wo Hilfe Not tut. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“, dichtete Wilhelm Busch. Es freut mich, bei der Recherche zu dieser Ausgabe des Gemeindebriefes feststellen zu dürfen, wie viel Gutes es allein in Offenbach gibt und wie viele Menschen daran gehen, es auch zu tun.
Was zu tun bleibt? – Genug! Etwa das Gute auch wahrzunehmen, sich daran zu freuen, laut und vernehmlich Danke zu sagen, dem anderen und Gott. Und selbst zu schauen, was dem anderen fehlt und wo wir selbst eine Strebe für Gottes Himmel sein können.
Einen gesegneten Herbst wünscht
Ihnen
Ihre Pfarrerin Amina Bruch-Cincar